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Die Bonner Republik

Einblicke in das Wirken zweier Bundeskanzler.

Vor der Deutschen Einheit gab es die Bonner Republik. Zu dieser hochinteressanten Zeit gibt es unzählige Biographien und Abhandlungen. Drei Bücher der jüngeren Vergangenheit sind Thema dieser umfassenden Rezension. Anekdoten von und mit Helmut Schmidt, der private Willy Brandt und die Erinnerungen eines Egon Bahr. Wer abseits der bekannten, historischen Fakten einen tieferen Einblick in die Hochphase der Bonner Republik wünscht, der ist mit diesen drei Büchern bestens bedient.

Jost Kaiser: "Als Helmut Schmidt einmal ..."
Kleine Geschichten über einen großen Mann
Heyne Verlag, 2012.

Wussten Sie, dass der leidenschaftliche Pianist Helmut Schmidt einst in den Abbey Road Studios musiziert hat? Unser Bundeskanzler im berühmten Studio, wo das letzte Meisterwerk der Beatles eingespielt wurde? - Das ist in der Nachrichtenwelt 1982 leider komplett untergegangen. Denn als die Katze aus dem Haus war, publizierte einer der führenden Köpfe der FDP, die damals mit der FDP eine Koalition bildete, sein neues Strategie-Papier - während Schmidt sich also im Jazz übte, vollendete Otto Graf Lambsdorff den Bruch der sozial-liberalen Koalition. Nur eine von vielen schönen Anekdoten in dem Buch "Als Helmut Schmidt einmal ..." von Jost Kaiser.

Berichtet wird, wie Schmidt sich mit Brandt über die tiefroten Studenten streitet. Oder wie Schmidt den amerikanischen Präsidenten abblitzen lässt und nicht in der Air Force One mitfliegen will, weil für Jimmy Carter einst die Flugbereitschaft der Luftwaffe nicht gut genug gewesen war. Oder als Schmidt, vor wenigen Stunden erst durch ein konstruktives Misstrauensvotum von Kohl gestürzt, eincheckt um nach Hause zu fliegen. Economy Class versteht sich. Und immer wenn Schmidt nach Hause kam, ging er zum Kühlschrank und aß ein Eis. Nicht selten spielte er mit seiner Frau Loki Tischtennis, anstatt im Pool des modernen Kanzler-Bungalows zu schwimmen. Ein kurzweiliges Buch, das mit den vielen Kleinigkeiten, die es enthält, den Menschen Schmidt näher bringt. Es enthält nichts wirklich Wichtiges, keine weltbewegende Geschichte, wegen der die Geschichtsbücher neu geschrieben werden müssten, sicher nicht. Aber das ist auch gar nicht die Intention des Autors.

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Torsten Körner: "Die Familie Willy Brandt"
Fischer-Verlag 2013.

Ganz anders das Buch "Die Familie Willy Brandt" von Torsten Körner. Er will den Privatmann Willy Brandt zeigen. Gleich zu Beginn eine zu erwartende Einschätzung: Brandts Familie war die Partei. Diejenigen, die bei der Beerdigung Brandts am meisten weinen, sind seine Parteigenossen. Die Welt kennt Willy Brandt, doch wer kennt seine Welt? - Diese Frage ist Leitmotiv des Buches.

Dass die Familie die Antwort liefern könnte, liegt auf der Hand. Körners Buch bleibt aber merklich distanziert, ebenso wie es die Söhne von Brandt sind. Matthias Brandt etwa, der jüngste der Söhne, gerade eben erst als bester deutscher Schauspieler geehrt, steht am Grab seines Vaters - "Unser Willy". Das ist keine Ironie oder lakonische Distanz - es ist schlicht eine Tatsache, dass der Begriff "Familie" für eine Vaterfigur wie Brandt viel weiter gefasst werden muss.

Die Distanz entsteht also durch Öffentlichkeit. Zu der öffentlichen Person Willy Brandt hat auch die Familie die entsprechende Distanz. Sonst hätte Matthias Brandt wohl niemals in einem Fernsehfilm als Schauspieler in die Rolle des Günter Guillaume schlüpfen können. Aber, so räumt der Autor ein, würden vermutlich alle Kinder von Willy Brandt eine andere Geschichte von ihrem Vater erzählen. Brandt war von Geburt an "Der Verlassene" und verließ sich wohl größtenteils auf sich selbst. So schwebt sein Gemütszustand zwischen hoher politischer Motivation und tiefer persönlicher Depression. Vermutlich - und das sehen heute viele Zeitzeugen so - war es kein ostdeutscher Spion, der Brandt zu Fall gebracht hat. Es war wohl eher eine depressive Grundhaltung. Aber diese Haltung war eben keine manische Haltung, die in Verzweiflung ausgeartet wäre. So sehr war Brandt dann doch wohl Familienmensch, bodenständig und geerdet. Dieses Buch ist kein politisches Buch. Auch hier gibt es zahlreiche Anreicherungen durch Anekdoten - nichts, was die Zeitgeschichte maßgeblich ändern würde. Aber sehr lesenswert für alle Menschen mit Interesse an Zeitgeschichte.

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Egon Bahr: "Das musst Du erzählen ..." Ullstein-Verlag, 2013.

Laut der Familie Willy Brandts soll dieser noch auf seinem Sterbebett gesagt haben, dass sein einziger Freund sein Weggefährte Egon Bahr gewesen sei. Egon Bahr, der auch heute noch mit präzisen Interpretationen des Zeitgeschehens in Talk-Shows zu sehen ist, hat mit "Das muss Du erzählen ..." seine Erinnerungen an Willy Brandt aufgeschrieben.

Das Buch ist im Gegensatz zu den beiden anderen doch mehr an Fakten und politischen Abläufen orientiert. Bahr ist nun mal kein Romancier und seine Erinnerungen bestätigen eindringlich die Vermutungen, die man während der Kanzlerschaft Brandts bereits in der Presse lesen konnte. Eine zentrale Figur, die Brandt das Leben als Kanzler schwer gemacht hatte, war der mächtige Herbert Wehner, mit dem Bahr hier abrechnet. Berühmt geworden ist die Szene, in der Herbert Wehner als Fraktionsvorsitzender den gerade zurückgetretenen Willy Brandt begrüßt. Die Kamera schwenkt in den Raum und zeigt den weinenden Egon Bahr. Der weint aber nicht, weil Willy Brandt nicht mehr Kanzler ist, sondern weil er Wehners Heuchelei nicht ertragen kann.

Man muss bei diesen Erinnerungen - im Gegensatz zu den beiden anderen Büchern - bedenken, dass hier jemand, der auf Tuchfühlung mit der Macht diese Zeit erlebt hat, die Dinge natürlich sehr subjektiv beschreibt. So sind es nicht so sehr die Erinnerungen an Willy Brandt, die dieses Buch prägen, sondern es ist in viel stärkerem Maße die Darstellung eines wichtigen Abschnitts der Bonner Republik mit den Augen Egon Bahrs. Es sind viel mehr tiefe Eindrücke statt Erinnerungen, schon interpretiert und nicht mehr kommentierbar von Brandt oder Wehner. Dennoch auch hier gilt: sehr lesenswert.

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Infos zu Willy Brandt

Willy Brandt (* 18. Dezember 1913 in Lübeck als Herbert Ernst Karl Frahm; † 8. Oktober 1992 in Unkel) war von 1969 bis 1974 als Regierungschef einer sozialliberalen Koalition von SPD und FDP der vierte Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. Zuvor hatte er von 1966 bis 1969 während der ersten Großen Koalition im Kabinett Kiesinger das Amt des Außenministers und Vizekanzlers ausgeübt. Vom 3. Oktober 1957 bis zu seinem Eintritt in die Bundesregierung am 1. Dezember 1966 war er Regierender Bürgermeister von Berlin.

Von 1964 bis 1987 war Brandt SPD-Parteivorsitzender und von 1976 bis 1992 Präsident der Sozialistischen Internationale.

Unter dem Motto Wandel durch Annäherung gab Brandt als Bundeskanzler die bis Ende der 1960er Jahre an der Hallstein-Doktrin ausgerichtete Außenpolitik Westdeutschlands auf und leitete mit seiner neuen Ostpolitik eine Zäsur im politisch konfrontativen Klima des Kalten Krieges ein. Mit den Ostverträgen begann er einen Kurs der Entspannung und des Ausgleichs mit der Sowjetunion, der DDR, Polen (Kniefall von Warschau) und den übrigen Ostblockstaaten. Für diese Politik erhielt Brandt 1971 den Friedensnobelpreis.

Infos zu Helmut Schmidt

Helmut Heinrich Waldemar Schmidt (* 23. Dezember 1918 in Hamburg; † 10. November 2015 ebenda) war ein deutscher Politiker der SPD.[1] Von 1974 bis 1982 war er als Regierungschef einer sozialliberalen Koalition nach dem Rücktritt Willy Brandts der fünfte Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland.

Ab 1961 war Schmidt Senator der Polizeibehörde in Hamburg. In dieser Funktion wurde er während der Sturmflut 1962 als Krisenmanager weit über Hamburg hinaus bekannt und geschätzt. Von 1967 bis 1969 war er Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion, 1969 bis 1972 Bundesminister der Verteidigung und 1972 bis 1974 Bundesminister der Finanzen.

Nach seiner Kanzlerschaft genoss Schmidt als Elder Statesman parteiübergreifend Popularität und hohes Ansehen. Außerdem verfasste er zahlreiche Bücher und war von 1983 bis zu seinem Tod Mitherausgeber der Wochenzeitung Die Zeit.

Infos zu Egon Bahr

Egon Karl-Heinz Bahr (* 18. März 1922 in Treffurt; † 19. August 2015 in Berlin) war ein deutscher Politiker (SPD).

Er war von 1972 bis 1974 Bundesminister für besondere Aufgaben und von 1974 bis 1976 Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit. Unter dem von ihm geprägten Leitgedanken „Wandel durch Annäherung“ war er einer der entscheidenden Vordenker und führender Mitgestalter der von der Regierung unter Willy Brandt ab 1969 eingeleiteten Ost- und Deutschlandpolitik.

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